Stellenabbau bei Pharmaberatern gefährdet Patienten

2009 werden Pharmaberater massenweise entlassen, wodurch Ärzte keine ausreichende Arzneimittelberatung mehr erhalten. Leidtragende der mangelnden Beratung sind die Patienten. Dabei sterben schon heute in Deutschland an die 17.000 Menschen durch falsche Medikation. Die Kündigungswelle rollt weiter: Auch 2009 kommt es im Gesundheitswesen zu einem erheblichem Stellenabbau. „Bereits heute trennen sich viele Pharmaunternehmen von ihren Beratern oder setzten Pharmaleiharbeiter ein", bestätigt der Vorsitzende des Berufsverbandes der Pharmaberater, Wolfgang Vogel.

„Im Zuge der Gesundheitsreform werden Pharmaberater im diesem Jahr jedoch massenweise entlassen." Denn aufgrund der Gesetzesänderung dürfen Ärzte ihren Patienten nur noch Wirkstoffe verschreiben. Welches Medikament sie tatsächlich in der Apotheke erhalten, bestimmt die Krankenkasse. Eine Auswahl zwischen den einzelnen Medikamenten zu treffen, ist für Ärzte damit hinfällig, was ihre Beratung durch Pharmaberater überflüssig macht. „Dies könnte das Ende der Arzneimittelsicherheit sein, zu Lasten der Patienten", warnt Vogel. „Denn bei vielen Medikamenten ist die Unterweisung durch Pharmaberater als Bindeglied zwischen Arzt und Industrie unerlässlich."

„Jedes Milligramm zu viel oder zu wenig beeinflusst die Wirkung eines Medikaments", weiß Pharmaberaterin Monika Djordjevic von der Lilly Deutschland GmbH. Seit elf Jahren schon klärt sie Ärzte über Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Medikamenten auf, informiert über die Wirkweise neuer Produkte und verteilt nach den geltenden Bestimmungen des Arzneimittelgesetztes Musterpackungen an die Ärzte. Im Gegenzug übermittelt sie wichtige Marktinformationen über Risiken und Probleme, die die Patienten mit der Einnahme der Arzneimittel hatten, an die Hersteller.

Pro Jahr sterben in Deutschland nach den Angaben des Berufsverbandes auch heute noch an die 17.000 Menschen durch falsche Medikation. Rund 120.000 würden mit Problemen ins Krankenhaus eingewiesen, die aus der Einnahme falscher Arzneimittel resultierten. „Obwohl die Ärzte von den Pharmaberatern ausführliche Informationen über die Medikamente erhalten, ist es häufig so, dass sie an die Patienten nicht richtig weitergegeben werden", erklärt Vogel. „Verglichen damit, ist die jährliche Zahl von Verkehrstoten mit knapp 5.000 geradezu lächerlich." Der Experte hält die Unterweisung der Ärzte durch Pharmaberater deshalb für unentbehrlich.


Rabattverträge: Zählt bei Medikamenten künftig nur noch der Preis?

Doch mit Einführung der Gesundheitsreform droht nun der Beruf des Pharmaberaters vollständig wegzufallen. Die gesetzlichen Krankenkassen wählen einen oder mehrere Pharmahersteller als Vertragspartner nach ihrem Belieben aus. Mit diesen vereinbaren sie für das folgende Kalenderjahr, welche Arzneimittel der Hersteller exklusiv an die Versicherten der Krankenkasse abgeben darf und profitieren dabei von Rabattzahlungen.

„Es zählt offensichtlich nur noch der Preis", sagt Vogel. Der verordnende Arzt verschreibe Wirkstoffe und wisse oft nicht, welches Medikament sein Patient in der Apotheke ausgehändigt bekommt. Andererseits bleibe er für seine Verordnung jedoch verantwortlich. „Dabei spielt anscheinend keine Rolle, auf welches Medikament die Patienten, auch mental, eingestellt sind", so Vogel. Zwar könne der Arzt auf dem Rezept vermerken, dass er auf die Abgabe des gewohnten Arzneimittels besteht, weigere der Arzt sich jedoch, kann der Patient sein bisheriges Medikament nur noch dann erhalten, wenn er den vollen Verkaufspreis selber übernimmt.

Pharmaberaterin Djordjevic sieht vor allem bei Produktinnovationen ein großes Problem auf die Patienten zukommen. „Gerade bei neuen Medikamenten bestehen Ärzte auf eine schnelle und persönliche Information. Sie wollen wissen, worauf sie bei der Verordnung zu achten haben und mit welchen anderen Arzneimitteln die Verordnung zu Problemen kommen kann", sagt sie. Eine ausführliche Beratung sei hier unerlässlich und mit Informationen aus dem Internet nicht zu vergleichen.

Im Gesetz über den Verkehr mit Arzneimitteln (AMG) ist zudem die Unterweisung von Ärzten durch Pharmaberater vorgeschrieben und die Pflichten der Berater definiert. Demnach sind sie dafür verantwortlich, dass sie Informationen über Nebenwirkungen oder sonstige erkannte Risiken bei der Arzneimittelanwendung unverzüglich an ihren Arbeitgeber weiterleiten. „Jede irreführende Werbung ist eine strafbare Ordnungswidrigkeit und kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe bis zu 25.000 Euro geahndet werden", weiß Vogel. Eine Abschaffung des Berufs der Pharmaberater sei damit gesetzeswidrig.

„Ich kann zwar nicht in die Zukunft schauen, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Krankenkassen vermehrt Pharmaberater einstellen werden", sagt Erika Badenhop, Leiterin des Zentrums für Weiterbildung und Technologietransfer (ZWT) an der Fachhochschule Hannover. Der Grund: Im Gegensatz zu den Sozialfachangestellten, die bei den Krankenkassen arbeiten, sind Pharmaberater viel umfassender ausgebildet. „Sie kennen sich mit Therapieleitlinien aus, können Krankheitsverläufe vergleichen und präzisieren und wissen, mit welchen Mitteln Krankheiten behandelt werden können." Wertvolles Wissen, das nicht in dem Maße wie bisher bei den Ärzten und Patienten ankäme, wenn es nur über das Internet oder mit Flyern verbreitet werden würde.

Um auf einen möglichen Stellenabbau vorbereitet zu sein, ist es nach Ansicht von Badenhop für Pharmaberater das Sinnvollste, umgehend eine Weiterbildung zu belegen. Denn nur wer qualifiziert genug sei, würde auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens eine Alternative zur jetzigen Beschäftigung finden.

„Es gibt Möglichkeiten, die Betroffenen zu so genannten Health Managern Pharma oder Health Network Managern umzuschulen" weiß Jens-Peter Paulsen vom Dienstleistungsunternehmen m.o.v.e. hr. Derartige Weiterbildungen seien im Ausland keine Seltenheit, in Deutschland hingegen zeigten Pharmaunternehmen daran kein großes Interesse. „In einer solchen Situation ist mir das unerklärlich", sagt Paulsen. Schließlich blieben die Berater durch ständige Weiterbildungen nicht nur bei gesundheitspolitischen und gesetzlichen Grundlagen auf dem neuesten Stand, sondern würden auch Flexibilität demonstrieren. „Es wäre verantwortungslos, das Wissen dieser Berufsgruppe einfach zu ignorieren. Zumal da es so einfach ist, Pharmaberater in anderen Bereich des Gesundheitswesens einzusetzen und Patienten damit keinen unnötigen Risiken auszusetzen."

Quelle: Berufsverband der Pharmaberater